Sunday, November 30, 2025

Besprechung -Mørkeskye-Fanzine / Ausgabe 20

Wo fange ich nun am besten an bei meiner ersten Rezension dieses Print-Zines? Namentlich war mir das Mørkeskye schon seit einer gefühlten Ewigkeit, bestimmt aber seit mindestens 20 Jahren ein Begriff, in der Hand hatte ich tatsächlich noch nie ein Exemplar, aus welchen Gründen auch immer, sollte es eben 30 Jahre dauern.

Denn tatsächlich gibt es das Zine seit dem fernen Jahr 1995, Herausgeber Thor Wanzek, teils auch unter der halb-pseudonymsierten Abwandlung seines Namens als Thor Joakimsson bekannt, hat u. a. auch für das Orkus, das Deftone bzw. Legacy (für das ich auch mal sechs Jahre schrieb), das  Hammerheart Fanzine und Avantgarde-Metal.com geschrieben. Zudem veröffentlichte er unter dem Labelnamen Trollmusic einige Werke von Bands wie Gràb, Bald Anders (mit ex-Lunar Aurora-Leuten) und De Arma (mit Andreas Petterson von Armagedda) und weist wohl eine Verbundenheit zu Prophecy Productions auf, was sich auch im so manchem Signing einer Band auf diesem Label nach einer dementsprechenden Empfehlung seitens Thor niederschlug.

Meine Berührungen mit Printzines waren in jüngerer Vergangenheit das Krachmanifest-Zine, ebenfalls mochte ich dessen Quasi-Vorgänger Campaign for Musical Destruction - Zine doch sehr, ansonsten würde ich glatt lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich regelmäßiger Leser von Printzines sei, auch wenn man im heutigen Zeitalter die Macher und Macherinnen solcher Publikationen natürlich umso mehr für Ihren Idealismus unterstützen sollte.

Thor, ursprünglich aus dem Sauerland stammend, verschlug es nach Köln und im Kontakt per Messenger stellte sich zu meinem Erstaunen heraus, dass er nun in Brühl, meiner früheren Heimatstadt im Rhein-Erft-Kreis, gelegen vor den Toren Kölns, wohnt. So klein ist also die Welt! Ich kam nun also zu den letzten beiden Ausgaben 20 und 21, wobei hier nun chronologisch zu erst die Nr. 20 besprochen wird, Nr. 22 wird übrigens in wenigen Tagen veröffentlicht und natürlich auch unter die Lupe genommen.

Doch kommen wir zum Inhalt dieser Ausgabe vom April 2024. Grundsätzlich gefällt mir der sehr angenehm zu lesende, teils bildhafte Schreibstil sehr, zudem verfügt Thor über ein breites und tiefes -nicht nur rein musikalisches Wissen- sodass er immer wieder Querverweise zu anderen Aspekten oder Themen in die Interviews einbaut, doch dazu später mehr.

Das professionell gelayoutete Heft im Schwarz-Weiß-Stil wartet neben einigen handverlesenen Plattenbesprechungen und Zine-Reviews, u.a. zu oben erwähntem Krachmanifest-Zine als auch zum Isidor-Zine eines gewissen Bernd Spring, manch einem vielleicht von den legendären Ulcerous Phlegm bekannt (mein ausführliches Interview von 2017 siehe hier), mit gut geführten und interessanten Interviews auf, bei denen man auch die Vorbereitung und Akribie, mit der Thor ans Werk geht, merkt. Teils sticht auch die persönliche Bedeutung so mancher Band hervor, so wie bei dem Interview mit den Dänen von Blazing Eternity, ein Name, den ich quasi längst vergessen hatte. Hier verbindet die Band und den Herausgeber auch eine teils gemeinsame Geschichte. Anlässlich des dritten Albums, das 21 Jahre nach dem Vorgänger erschien, stellt Thor seine Fragen zum aktuellen Werk und blickt zurück . Schön auch das Interview mit den norwegischen Ulvhedner, die betonen, wie wichtig es für sie als mittelalte Männer ist - wohl unter dem Stichwort Psychohygiene zu verorten - einmal wöchentlich sich im Keller eines Bandmitglieds einzufinden, um gemeinsam Krach zu machen. Die (späteren) Mitglieder von Karner aus Kärnten hingegen haben sich in einer Villacher Krampus- und Brauchtumsgruppe getroffen, und ausgehend von ihrer Begeisterung für derartige Themen die Band gegründet, so etwas liest man auch nicht alle Tage. Die Österreicher von Vinsta, spielen "Alpine Metal" mit Jodelgesang, und auch wenn deren Musik beim Reinhören nicht wirklich mein "Cup-of-Tea" ist, wie man so schön sagt, braucht niemand die - auch im Interview angesprochenen befürchteten Assoziationen Außenstehender zu Musik wie der von Andreas Gabalier und Konsorten - zu haben. Das nächste Interview hat ebenfalls allein schon bei der Stilbeschreibung Bezug zu den Alpen: Staad aus Nürnberg spielen Alpine Ambient. Hulder aus dem US-Bundesstaat Washington wiederum dürften bekannter mit ihrem tief in den 90ern verwurzelten Black Metal sein. Farsot aus dem thüringischen Gotha werden anlässlich ihres Drittwerks "Life Promised Death" interviewt, blicken aber auch u. a. auf legendäre und anstrenge Tourerlebnisse zurück, beim angesprochenen Konzert in Troisdorf war ich auch anwesend, was mir beim Lesen des Interviews wieder gegenwärtig wurde. Als nächstes befragt werden Gravehammer aus Kiel, welche tollen, ranzigen Old-School Death Metal spielen, nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen Schweden und auch nicht mit den Malaysiern, deren Album ich bei einem Music-Streamingdienst bei der Eingabe des Bandnamens in die Suchfunktion fand - die Asiaten sind aber auch toll! Aus dem nicht weiten Bergisch Gladbach hingegen kommen Tougani mit ihrer Version des atmosphärischen Black Metals, Bandgründer Viator erwähnt unter dem Aspekt der Naturverbundenheit auch Spaziergänge rund um die Grube Cox - hier kann ich aus eigener Erfahrung die schöne Wandergegend um Bensberg (u. a. mit Blick auf Köln und historischen Verweisen in Form eines Denkmals für die an Typhus gestorbenen österreichischen Soldaten im Lazarett des Bensberger Schlosses zur Zeit der Revolutionskriege) bestätigen. Die norddeutschen Death Metaller von Temple of Dread - mit personellen Überschneidungen zu Slaughterday übrigens - werden anlässlich der Veröffentlichung ihre vierten Albums "Beyond Acheron" interviewt, mittlerweile ist sogar bereits ein fünftes Album erschienen. Besonders interessant ist auch das Interview mit den Norddeutschen Skardus (mit personellen Querverbindungen zu den erwähnten Gravehammer, als auch zu den nicht mehr existierenden Drautran), die sich 15 Jahre Zeit für die Veröffentlichung ihres Debütalbums genommen haben. Die finnischen Noitila spielen tollen Black Metal und haben ihr 2023-er Debüt auf Nordvis veröffentlicht, insofern wundert die hier angesprochene musikalische Verbindung zu Armagedda nicht, wenn man die Geschichte des Labels und des Gründers kennt. Auch bei diesem Interview wird, wie schon bei einigen anderen, die Verbindung zur Natur und die Weltabgeschiedenheit thematisiert, und mit dem Begriff des Hinterwäldlertums verbunden, der hier jedoch positiv besetzt ist im Gegensatz zur landläufigen oftmals negativen Konnotation. Als Nächstes ist das schwedische  Ein-Mann-Black Metal-Projekt Mordran an der Reihe, wobei hier auch kritisch anlässlich der Veröffentlichungspolitik des aus Spanien emigrierten Musikers nachgefragt wird, da vielleicht doch das Motto "Weniger ist mehr" auch hier zutreffen könnte. Mittlerweile gibt es sogar bereits einen Nachfolger zum "The Midnight Woods"-Album, das als Aufhänger für das Interview diente. Es folgen Interviews mit den finnisch-deutschen Doomern von Orbiter und mit den dänischen Timechild, die Heavy Progressive Rock spielen.

Neben einem Bericht zu einer Sonderausstellung unter dem Titel "Hexenwerk und Teufelsbund im Aachener Raum" im Centre Charlemagne der Kaiserstadt, in welchem der doch recht spärliche lokale Bezug moniert wird, gibt es noch Artikel zu Lesungen von Pia Lüddecke als auch zu Ulrike Serowy, die so mancher durch ihren Roman "Wölfe in der Stadt" kennen dürfte. Abschließend wird Prophecy-Records Chef Martin Koller zum Prophecyfest 2023 befragt und um ein Fazit zu diesem wohl außergewöhnlichen (persönlich war ich noch nicht dort) Festival in der Balver Höhle befragt.

Besonders interessant finde ich jedoch die Vorstellung eines Wanderweges, hier der  sogenannte "Auenlandweg" in der Gemeinde Wissen im Norden  von Rheinland-Pfalz. Dieser konnte wohl 2023 den zweiten Preis in der Rubrik "Tagestouren" eines Wandermagazins ergattern, und der Autor fragt sich an dieser Stelle, wie eine solche Platzierung des gerade mal drei Kilometer langen Weges (was ja nun eher einem Spaziergang im Stadtviertel oder Dorf entspricht), der mit aus Baumstämmen geschnitzten Figuren aus dem "Herr der Ringe"-Universum aufwartet, zustande gekommen ist - eine Frage, die ich mir bei so manch anderem prämierten oder angepreisten Wanderweg auch schon stellte. Dennoch ist dies gerade unter dem Aspekt der Naturverbundenheit, Naturmystik, Ruhe und Entschleunigung eine tolle Rubrik, die auch im nächsten Heft in ähnlicher Weise fortgeführt wurde. Ich kann an dieser Stelle Wanderungen in der Wahner Heide (z.B. zu den mystischen Überresten der Eremitage am Ravensberg), oder ins Naafbach- /Wenigerbach /Holzbachtal bei Lohmar empfehlen, wenn es um die nähere Umgebung im Raum Köln-Bonn geht. Im erweiterten Radius auch das Ahrtal, sowieso eine der schönsten Wandergegenden Deutschlands, welches quasi auch auf historischen Spuren bewandert werden kann, so zum Beispiel zum Hexendenkmal in den Hängen bei Ahrbrück, ein Mahnmal an die Hexenverfolgungen in der dortigen Region.

Insgesamt kann ich als Fazit meiner ersten Begegnung mit dem Mørkeskye eine absolute Empfehlung aussprechen, besonders natürlich für Hörer der hier vertretenen Spielarten, also vor allem Black-, Doom, Death- Metal und dessen Unterspielarten. Dennoch sind die Interviews so interessant gestaltet, dass man auch weiterliest, selbst wenn man bereits ahnt oder definitiv weiß, dass die Band nicht so ganz oder möglicherweise überhaupt nicht den eigenen Geschmack trifft.

Persönlich gefällt mir vor allem der eigenwillige, teils weltabgewandte, entschleunigte Spirit (in Ermangelung eines treffenderen Wortes), der das Mørkeskye charakterisiert, was nicht zuletzt eben an der Auswahl an naturverbundenen Bands als auch an an der Ansprache dieser naturbezogenen Thematik liegt. 

Das Heft ist- falls noch nicht ausverkauft- zu beziehen unter thor@trollmusic.net bzw. über die Facebook-Seite.