Der kurz-prägnante Untertitel des Buches "Kohle, Knast & Rock'n Roll" beschreibt die Lebensumständen Kowalewskis treffend. Die Aspekte "Kohle" und "Rock'n Roll" wären ja schon mal abgehakt. Leider (oder retrospektiv vielleicht doch glücklicherweise, dazu später mehr) ging dieses Leben nicht lange gut, und so kommt der Aspekt "Knast" hinzu: Nach dem Konsum von Koks und dem Vorwurf des Drogenhandels landet Kowalewski im berüchtigten Kölner "Klingelpütz" (wobei der ursprüngliche Klingelpütz in der Kölner-Altstadt Nord ja bereits 1969 abgerissen wurde, Kowalewski saß 1989 wohl in der JVA Ossendorf, die als Ersatz für den alten Klingelpütz diente und heute teils noch eben so bezeichnet wird), trifft dort u.a. den Rote Armee Fraktion-Terroristen Stefan Wisniewski, mit dem er debattiert, und bricht gemeinsam mit einem Mithäftling aus, der es final jedoch nicht schafft, zu entkommen. Er flieht in die Niederlande, narrt die Polizei und holt seine gesamte unter Observation der Ermittler stehende Familie, Ehefrau und Kinder, nach Amsterdam nach. In den Niederlanden fährt er allerdings wieder ins Gefängnis ein, kann erneut fliehen und landet nach einer Segelschiffsfahrt letztendlich in Brasilien. Hier kommt er in Kontakt mit dem berüchtigten Kali-Kartell, wird gezwungen, Drogen zu schmuggeln und landet so für einige Jahre in den wohl schlimmsten Knästen Brasiliens. Gegen diese, sowohl in Bezug auf Aspekte wie Gewalt, medizinische Versorgung als auch hygienische Standards, war wohl auch schon damals das schlimmste Gefängnis Deutschlands höchstwahrscheinlich ein Fünf-Sterne-Hotel. Kowalewski berichtet von teils 40 Mann in einer Zelle, die sich als Toilette ein Loch teilen mussten, Schimmel, vom Schlafen auf Pappe, da es keine Betten oder Decken gab und den brutalen Foltermethoden der teils sadistischen und korrupten Gefängniswärter als auch von Kämpfen verfeindeter Knastgangs. Teilweise sterben die Insassen wie die Fliegen und auch Kowalewski ist manchmal dem Tod näher als dem Leben. Schlussendlich wird er wohl durch diplomatische Bemühungen etwas früher entlassen und kann den Rest seiner in Deutschland verhängten Strafe in Rheinbach bei Bonn absitzen.
Witzig: das Vorwort zum Buch hat genau der Kölner Kriminalkommissar geschrieben, der hauptverantwortlich für die erste Verhaftung Kowalewskis war. Und auch wenn die Schilderungen dieser beiden damaligen Kontrahenten über das tatsächliche Ausmaß der kriminellen Aktivitäten Kowalewskis auseinandergehen, so ist Kowalewski dem Polizisten doch tatsächlich dankbar, dass dieser ihm vor Schlimmerem bewahrt habe: den damaligen drogenorientierten Lebensstil hätte er nicht lange überlebt. Heutzutage sind die beiden wohl freundschaftlich verbunden und auch bei Lesungen zum Buch war der Kriminalkommissar aktiv mit dabei. Mittlerweile lebt Kowalewski mit neuer Partnerin auf den Azoren und ist weltweit als Tätowierer tätig.
Auch die ein oder andere Kölner Lokal bzw. Szene-Prominenz findet im Buch Erwähnung, so beispielsweise Jürgen Zeltinger, der "Asi mit Niwoh", der zur Eröffnung vom Kowalewskis "Empire" auftritt, nicht näher genannte Leute, die mit entsprechendem Hintergrundwissen bestimmt leicht zu identifizieren sind, und auch ein gewisser Robert G., der heutzutage, mit Gattin und Kindern vor allem durch peinliche Auftritte in Doku-Trash-Formaten bekannt ist, findet seinen Weg in diese Autobiographie. Insgesamt hätte ich mir persönlich einen größeren Anteil der Schilderung seines Kölner Lebens gewünscht, der Löwenanteil des Buches beschäftigt sich hingegen mit den erschreckend-traumatischen Erfahrungen in brasilianischen Gefängnissen. Nichtsdestotrotz eine Leseempfehlung für Personen, die sich für außergewöhnliche Lebenswege außerhalb der Norm interessieren oder sich für die lokalen bzw. musikalischen Bezüge interessieren, wobei jedoch gerade seine Band und deren Karriere insgesamt nur absolut stiefmütterlich behandelt wird.
