Saturday, September 12, 2026

Buchrezension "Zur Hölle" von Detlef Kowalewski

Über dieses Buch bin ich mehr oder weniger zufällig gestolpert, irgendwo im Netz wurde der Autor Detlef Kowalewski erwähnt, der in "Zur Hölle" einen Teil seines abenteuerlichen Lebensweges beschreibt. Also besorgte ich mir das Buch, welches auf knapp 200 Seiten spannend und in einem angenehmen Schreibstil die Geschichte von Detlef Kowalewski erzählt, der, geboren in Mettmann, nach einer Ausbildung zum Chemikanten bei Bayer in Dormagen im Köln der 80er Jahre mit u.a. der Vermietung von Proberäumen viel Geld macht und auch mit seiner Heavy Metal Band High 'n' Dry für den ein oder anderen Erfolg sorgt. In Kowalewskis "Empire", seinem Gebäudekomplex bestehend aus Live-Venue, Fitness-Studio und Proberäumen, taucht eines Tages eine gewisser Bruce Dickinson auf, um sich eine Bonner Band anzusehen (tatsächlich erinnerte ich mich an dieser Stelle daran, dass Dickinson in seiner Autobiographie "What does this button do?" davon berichtete, in den 80er Jahren für einige Monate in Bonn gelebt zu haben). Entschlossen die Gunst der Stunde nutzend bietet man der britischen Band einen Proberaum als zeitweiligen Ausgangspunkt für Live-Aktivitäten an und eines kommt zum anderen: So tritt Kowalewskis Band High 'n' Dry auch zweimal im Vorprogramm von Iron Maiden auf, womit sich für Kowalewski ein Traum erfüllt. Interessanter Fakt: Im "Empire" probten zeitweise auch Accept, als auch die Band von Howard Carpendale. Eine gegenseitige musikalischen Befruchtung dieser beiden Bands halte ich jedoch für eher unwahrscheinlich...

Der kurz-prägnante Untertitel des Buches "Kohle, Knast & Rock'n Roll" beschreibt die Lebensumständen Kowalewskis treffend. Die Aspekte "Kohle" und "Rock'n Roll" wären ja schon mal abgehakt. Leider (oder retrospektiv vielleicht doch glücklicherweise, dazu später mehr) ging dieses Leben nicht lange gut, und so kommt der Aspekt "Knast" hinzu: Nach dem Konsum von Koks und dem Vorwurf des Drogenhandels landet Kowalewski im berüchtigten Kölner "Klingelpütz" (wobei der ursprüngliche Klingelpütz in der Kölner-Altstadt Nord ja bereits 1969 abgerissen wurde, Kowalewski saß 1989 wohl in der JVA Ossendorf, die als Ersatz für den alten Klingelpütz diente und heute teils noch eben so bezeichnet wird), trifft dort u.a. den Rote Armee Fraktion-Terroristen Stefan Wisniewski, mit dem er debattiert, und bricht gemeinsam mit einem Mithäftling aus, der es  final jedoch nicht schafft, zu entkommen. Er flieht in die Niederlande, narrt die Polizei und holt seine gesamte unter Observation der Ermittler stehende Familie, Ehefrau und Kinder, nach Amsterdam nach. In den Niederlanden fährt er allerdings wieder ins Gefängnis ein, kann erneut fliehen und landet nach einer Segelschiffsfahrt letztendlich in Brasilien. Hier kommt er in Kontakt mit dem berüchtigten Kali-Kartell, wird gezwungen, Drogen zu schmuggeln und landet so für einige Jahre in den wohl schlimmsten Knästen Brasiliens. Gegen diese, sowohl in Bezug auf Aspekte wie Gewalt, medizinische Versorgung als auch hygienische Standards, war wohl auch schon damals das schlimmste Gefängnis Deutschlands höchstwahrscheinlich ein Fünf-Sterne-Hotel. Kowalewski berichtet von teils 40 Mann in einer Zelle, die sich als Toilette ein Loch teilen mussten, Schimmel, vom Schlafen auf Pappe, da es keine Betten oder Decken gab und den brutalen Foltermethoden der teils sadistischen und korrupten Gefängniswärter als auch von Kämpfen verfeindeter Knastgangs. Teilweise sterben die Insassen wie die Fliegen und auch Kowalewski ist manchmal dem Tod näher als dem Leben. Schlussendlich wird er wohl durch diplomatische Bemühungen etwas früher entlassen und kann den Rest seiner in Deutschland verhängten Strafe in Rheinbach bei Bonn absitzen.

Witzig: das Vorwort zum Buch hat genau der Kölner Kriminalkommissar geschrieben, der hauptverantwortlich für die erste Verhaftung Kowalewskis war. Und auch wenn die Schilderungen dieser beiden damaligen Kontrahenten über das tatsächliche Ausmaß der kriminellen Aktivitäten Kowalewskis auseinandergehen, so ist Kowalewski dem Polizisten doch tatsächlich dankbar, dass dieser ihm vor Schlimmerem bewahrt habe: den damaligen drogenorientierten Lebensstil hätte er nicht lange überlebt. Heutzutage sind die beiden wohl freundschaftlich verbunden und auch bei Lesungen zum Buch war der Kriminalkommissar aktiv mit dabei. Mittlerweile lebt Kowalewski mit neuer Partnerin auf den Azoren und ist weltweit als Tätowierer tätig.

Auch die ein oder andere Kölner Lokal bzw. Szene-Prominenz findet im Buch Erwähnung, so beispielsweise Jürgen Zeltinger, der "Asi mit Niwoh", der zur Eröffnung vom Kowalewskis "Empire" auftritt, nicht näher genannte Leute, die mit entsprechendem Hintergrundwissen bestimmt leicht zu identifizieren sind, und auch ein gewisser Robert G., der heutzutage, mit Gattin und Kindern vor allem durch peinliche Auftritte in Doku-Trash-Formaten bekannt ist, findet seinen Weg in diese Autobiographie. Insgesamt hätte ich mir persönlich einen größeren Anteil der Schilderung seines Kölner Lebens gewünscht, der Löwenanteil des Buches beschäftigt sich hingegen mit den erschreckend-traumatischen Erfahrungen in brasilianischen Gefängnissen. Nichtsdestotrotz eine Leseempfehlung für Personen, die sich für außergewöhnliche Lebenswege außerhalb der Norm interessieren oder sich für die  lokalen bzw. musikalischen Bezüge interessieren, wobei jedoch gerade seine Band und deren Karriere insgesamt nur absolut stiefmütterlich behandelt wird.