Tuesday, April 25, 2023

BERICHT DARK DUNGEON FESTIVAL (ANTHISNES, WALLONIE / BELGIEN)

Da ich ja schon länger ein Interview mit den Freiburgern von Mightiest geplant habe, und diese auf dem Dark Dungeon Festival  (14.-15. April) in der Burg Avouerie in Anthisnes am (Black Metal-) Freitag spielten, bot sich ein Besuch im wallonischen Ort geradezu an. Die tolle Besonderheit an dem zweitägigen Festival ist der Veranstaltungsort, der für die passende räumliche Atmosphäre sorgen soll. Während der Freitag mit drei Black Metal-Bands aufwartete (Räum, Mightiest, Enthroned), spielte am Samstag wohl die internationale crème de la crème der Dungeon Synth-Szene. Leider hielten mich familiäre Verpflichtungen vom Besuch des Dungeon Synth-Tages ab, so dass ich am Samstag morgen wieder die Heimreise antreten musste. Auch wenn ich mich mit dieser Musik nur wenig auskenne und nur einige Mortiis -Alben (als auch sein Nebenprojekt Vond) mein Eigen nenne, hätte mich das Ganze doch sehr interessiert. Headliner des Samstags waren übrigens Depressive Silence aus Freiburg, deren Line-Up - wer hätte es gedacht - natürlich deckungsgleich mit Mightiest ist. 

Anthisnes ist eine Gemeinde mit ungefähr 4000 Einwohnern in der Provinz Lüttich, die laut eines Ortsansässigen die meisten Belgier nicht einmal kennen. Doch dazu später mehr. Grundsätzlich ist die Wallonie eine unheimlich schöne Region, die ich nur ausdrücklich empfehlen kann, sowohl zum Wandern, Rad- oder Motorradfahren. Aber auch Geschichtsinteressierten wird hier in Form von Burgen und Schlössern einiges geboten. Von Deutschland ist es nicht weit, von Aachen ist es quasi ein Katzensprung, aus Köln und Umgebung braucht man 1,5- 2 Stunden mit dem Auto, je nachdem, wo man konkret hinmöchte. Gerade der zweite Weltkrieg ist hier allgegenwärtig, neben reinen Soldatenfriedhöfen (auch solche der Amerikaner wie der Soldatenfriedhof Henri-Chapelle), sind auf fast jedem Friedhof, deren Gräber aus den für Ostbelgien charakteristischen grauen Naturstein bestehen, auch Reihen zu finden, in denen belgische und / oder englische / amerikanische oder französische gefallenen Soldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, die belgische Landesflagge ist auf Friedhöfen und (Kriegs-) Denkmälern omnipräsent. Falls man nicht über die Autobahn nach Belgien gelangt, sondern z.B. in der Nähe des Weißen Steins zwischen dem deutschen Hellenthal und dem belgischen Büllingen die Grenze überquert, fallen nach Grenzübertritt direkt auch der architektonische Wechsel in den Ortschaften auf, deren Häuser fast ebenso alle in grau-braunen Natursteinen errichtet wurden.

Relativ nah an der deutschen Grenze liegt Spa, das seinen Stadtnamen als Namensgeber bzw. Synonym für das Heilbaden und Wellness hergibt, da bereits ab dem 18. Jahrhundert Könige, Adlige und sonstige Prominenz die Heilquellen des Ortes zu schätzen wussten. Es ist ein nettes Städtchen, von der mondänen Vergangenheit ist allerdings nicht mehr überall etwas zu spüren, teils sah ich auch Leerstand und verfallenen Häuser etwas abseits des Zentrums, in dem es natürlich noch einige repräsentative Bauten gibt. Ansonsten dürfte Spa auch durch die nahegelegene Rennstrecke Spa-Francorchamps bekannt sein, auf der auch Formel 1 Rennen stattfinden.

Nähe Spa, bei Theux, liegt die Burgruine Franchimont. Eine tolle Burg, sonderbarerweise eröffnete mir die Frau an der Kasse, dass ich an dem Tag der bisher erste Besucher war, und das um 14:00 Uhr. Einen Burn-out wird die gute Frau so schnell wohl nicht in ihrem Job erleiden, haha. Die Burg aus dem 11. Jahrhundert ist relativ groß und bietet tolle Gänge, die man ungestört (ja gut, als einziger Besucher..) erkunden kann. In noch keiner Burg habe ich solche, für Besucher freigegebene, tiefgehende Gänge und Schächte gesehen, man sollte trittfest- und standfest sein und relativ wendig ebenso, da auch ich mich als nicht so großer Mensch durch Öffnungen winden musste. Ob Menschen über 1,90 Meter Größe dort überhaupt durchpassen, wage ich doch sehr zu bezweifeln, es sei denn im Kriechen.

Durbuy gilt als "kleinste Stadt der Welt", ein an sich malerisches kleines Örtchen mit kleinen Gassen, das aber touristisch ziemlich überlaufen ist und insofern zu viele gastronomische Angebote bereithält. Ich kann es nicht empfehlen, Mightiest waren aber da und waren wohl sehr angetan, was aber unter Umständen auch am guten belgischen Bier dort lag, oder?

In der Nähe Durbuys liegen, knapp einen Kilometer entfernt, die Dolmen von Weris-Oppagne, von denen von Forschern angenommen wird, dass sie aus der neolithischen Zeit stammen und mindestens 4000 Jahre alt sind, manche Forscher gehen auch eher von einer Entstehung ca. 3000 Jahre vor Christus aus. Sehr beeindruckend, der passende Soundtrack dazu ist wohl Nagelfars legendäres Debütalbum "Hünengrab im Herbst".

Sehr empfehlenswert ist auch das kleine Städtchen Dinant, das an der Maas liegt und ein eindrucksvolles Bild bietet, das es vor und in bzw. auf den mächtigen Bayardfelsen gebaut ist. Über der Stadt thront bewachend die große Zitadelle von Dinant, die sowohl im ersten als auch im zweiten Weltkrieg Ort heftiger Kämpfe war. Aufgrund eines Bombentreffers im zweiten Weltkrieg neigte sich ein in der Festung befindlicher Bunker um mehr als 20 Grad, was man heute noch bei Begehung sehen (und spüren) kann - Menschen mit Gleichgewichtsproblemen wird von der Begehung abgeraten, und in der Tat fühlt es sich sehr komisch und schwindelerregend an. 

Fast die komplette Zitadelle ist gegen einen Eintrittspreis begehbar, im Preis inbegriffen ist die Gondelfahrt herunter in die Stadt als auch wieder hoch. Kurzfristig entschloss ich mich, nicht wieder zu meinem Auto auf dem Parkplatz oben an der Festung per Gondel hochzufahren, sondern die steile Treppe mit mehr als 400 Stufen zu benutzen, danach hatte ich genug Sport für die nächsten Tage gemacht, haha. Diant ist übrigens auch Geburtsort von Adolphe Sax, dem Erfindes des Saxophons. Zahlreiche kunstvoll gestaltete übergroße Saxophon-Nachbildungen weisen auf der großen Brücke über die Maas darauf hin.

Auch die Höhlen von Han-sur-Lesse bei Rochefort sind einen Besuch wert. Man geht während einer Führung ca. zwei Kilometer durch die Höhle und sieht wirklich imposante unterirdische domartige Hallen, Sääle und Hohlräume, so auch den mit 62 m Höhe, 86 m Breite und 149 m Länge größten natürlichen Hohlraum Belgiens. Unterwegs bzw, am Ende trifft man auf den Fluss Lesse.

Aber kommen wir nun zu Ort selbst. Anthisnes, bzw. der Ortsteil, wo sich auch die Burg befindet, ist ein malerisches Dörfchen, wo jeder jeden kennt und ab 18:00 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. Nachdem ich einige Mal von den wenigen Dorfjugendlichen mit „Bonjour“ gegrüßt wurde, kramte ich meine uralten Französischkenntnisse wieder hervor, die wenigstens noch für eine Begrüßung und eine Verabschiedung ausreichen. Als ich später die lokale Snackbar aufsuchte, traf ich direkt auf weitere Besucher des Festivals, die natürlich an ihren Bandshirt als solche zu identifizieren waren. Zwei Leute aus Arnsberg im Sauerland, im weiteren Gespräch stellten wir fest, dass wir über zwei Ecken sogar einen gemeinsamen Bekannten haben. Lustig, dies in einem Örtchen, das sich am ehesten mit diversen Eifeldörfern vergleichen lässt, geschieht, die Welt ist klein.

 In der Snackbar selbst waren sowohl die Sauerländer als auch ich mit Englisch nicht weitgekommen, Deutsch sprach auch niemand und unsere Französischkenntnisse reichten auch nicht wirklich aus. Ob der Umstand, dass selbst die 20-30-Jährigen dort kein Englisch sprachen, dem Umstand geschuldet war, weil sei es nicht in der Schule gelernt hatten oder schlichtweg nicht wollten, entzieht sich meiner Kenntnis, ich tippe in diesem Falle aber auf Ersteres. Grundsätzlich ist die Sprachproblematik in Belgien, das aus drei Regionen und drei sogenannten Gemeinschaften besteht, äußerst ausgeprägt. Dieses "babylonische Sprachgewirr" ist dadurch bedingt, dass das (auch politische) Grundgefüge des Landes durch die Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel-Hauptstadt sowie die Flämische, die Französische und die Deutschsprachige Gemeinschaft gebildet wird. Der Staatsaufbau Belgiens ist sehr komplex, da u. a. die Hoheitsgebiete der Regionen mit jenen der Gemeinschaften nicht deckungsgleich sind, so überschneiden sich die Zuständigkeiten der Französischen und der Flämischen Gemeinschaft in der offiziell zweisprachigen Region Brüssel-Hauptstadt und das kleine Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft gehört zur mehrheitlich französischsprachigen Region Wallonien, was wohl auch zu teils wirklicher Abneigung zwischen verschiedenen Regionen bzw. Menschen führt. Mit einer Mischung aus Englisch und mit Zeigen auf die Angebotstafel  wurde dem Wirt jedoch schnell klar, was wir wollten. In dieser Bar, viele trafen wohl nach Feierabend ein, wurden jeder neue Besucher mit dem obligatorischen Wangenküsschen begrüßt, daher wie zu Anfang beschrieben: hier kennt jeder jeden. Lustig, dass dieses Örtchen zum Schauplatz eines kleinen Underground-Festivals wurde, zu dem Besucher aus der ganzen Welt kamen. Die Burg selbst war wohl schon öfters Veranstaltungsort diverser Musik -und Metal-Veranstaltungen, wahrscheinlich haben sich die Einheimischen schon daran gewöhnt und betrachten das Ganze auch als kleinen Wirtschaftsfaktor, ähnlich wie Wacken, nur tausende Male kleiner, haha. Der Gastgeber der vorhin erwähnten Sauerländer, die übrigens im tollen Chateau de la Chapelle wohnten (O-Ton: “ Wenn schon ein Festival in der Burg, dann bitte komplett Mittelalter“) erkannte den Besuchszweck der beiden wohl relativ schnell, die Festivitäten in der Burg scheinen also bekannt zu sein.

Kommen wir aber nun zum Festival selbst. Nachdem ich die Burg betreten hatte und den Konzertsaal im ersten Stock betrat, traf ich direkt auf Oliver, den Sänger von Mightiest. Nachdem wir uns unterhielten und weitere Bandmitglieder und Entourage sich dazugesellten begann der Soundcheck von Enthroned. Zwischenzeitlich erzählte mir Oliver, dass Depressive Silence, die ja bereits seit 1994 tätig sind,  2021 zwei Konzertangebote aus New York erhalten hatten, die letztlich nur wegen der Coronapandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen nicht umgesetzt werden konnten. Wir stimmten auch überein, dass es in den 90ern oftmals für Black Metal-Bands zum Habitus gehörte, ein Dungeon Synth oder Ambient -Projekt am Start zu haben, im Laufe der Jahre das Genre allmählich aus dem Bewusstsein vieler Hörer verschwand,  es aber seit einigen Jahren wieder eine große Dungeon Synth-Welle bzw. Revival gibt. Gerade deswegen, bzw. weil es halt wenige Dungeon Synth-Festivals gibt, reisten die Besucher aus aller Herren Länder an, aus ganz Europa und auch aus den USA. Das nenne ich mal Passion und Begeisterung! Die Depressive Silence LP-Discography-Box, veröffentlicht über Ancient Meadow Records aus Kentucky, USA, von der die Band einige zum Verkauf dabei hatte, ging wohl weg wie warme Semmeln, wie man so schön sagt.

In der Burg, in der auch ein Biermuseum seine Räumlichkeiten hat, befanden sich im Erdgeschoss ein Metal- (und Dungeon Synth)-Markt, in dem einige Labels ihre Platten, CDs, Tapes und Merch anboten, als auch einige Maler und Artwork-Künstler, die ihre Werke vorstellten.

Als erste Band begannen die Belgier von Räum aus Lüttich, von denen ich bis dato noch nie etwas vernommen hatte. Die Metal-untypisch aussehenden vier Musiker konnten das mittlerweile den Raum füllende Publikum mit ihren harten und schnellen Black Metal, der teils sogar an Marduk erinnerte, für sich gewinnen, was nicht zuletzt an der tollen Bühnenshow, insbesondere des Sängers Olivier lag. Oft war die Band in gespenstisches blaues Licht getaucht, was die atmosphärische Darstellung nochmals unterstrich.

Dann war die Zeit für Mightiest gekommen. Mit sichtlichem Enthusiasmus boten sie ihre Stücke dar, die sehr gut beim internationalen Publikum ankamen. Mit einer guten Mischung aus bewegungsfreudiger Metal-Show einerseits und stoischer Gelassenheit andererseits zeigte die Band eine tolle Bühnenperformance und spielten ihre oft melodischen und melancholischen, aber nie klebrig-süßlichen oder gar kitschigen Werke. In einer gerechten Welt wären Mightiest viel bekannter!

Als schließlich Enthroned die Bühne enterten, zogen sie die Menge schnell und routiniert auf ihre Seite. Der oftmals schnelle und harte Black Metal ist dafür natürlich sehr prädestiniert, Frontmann Nornagest zog durch gekonntes Stageacting in Verbindung mit seinem Corpsepaint schnell die Blicke und die Aufmerksamkeit auf sich.

Im Anschluss wurde noch das ein oder andere belgische Bier der Marke Lupulus (sehr empfehlenswert) getrunken, allerdings sollte man sich vorher über den Alkoholgehalt erkundigen, sonst landet man unwissend schnell bei Varianten mit 10-12% Alkoholgehalt. Leckeren Fleischeintopf gab es ebnefalls. Irgendwann um zwei Uhr morgens machte ich mich dann, nachdem ich noch zwei nette Leute aus Brügge kennengelernt hatte, auf den Weg in meine Unterkunft.
Am nächsten Morgen besuchte ich auf der Rückfahrt nach Deutschland noch die schönen Ameler Burgruinen, eine wirklich schöne, malerisch-idyllische Burgruine in den Wäldern über dem Ort Aywaille. Sehr empfehlenswert, auch wenn man schauen sollte, wo man hintritt, um nicht plötzlich zwei Meter in irgendeinem Schacht oder Loch zu landen, aus dem man-selbst unverletzt-nicht allein wieder herauskäme. Die Burgruine ist als Privatbesitz ausgewiesen, wovon sich aber wohl dem Trampelpfad nach, der sich durch die Burg zieht, niemand abhalten lässt.

Fazit: Ein toller Besuch in Wallonien- Anthisnes, ich komme wieder!